Die Saison ist vorbei – was bleibt? Ein Rück- und ein Ausblick

Es war die wohl merkwürdigste Fußballsaison aller Zeiten. Für den 1. FC Kaiserslautern erst recht, denn er musste nicht nur wie alle anderen Corona-Pause und Geisterspielwochen meistern, sondern auch Insolvenz anmelden. Ebenso wurde die  komplette Führungsetage ausgetauscht, bei der Investorensuche herrscht nach wie vor Gerangel. Torwarttrainer Gerry Ehrmann musste nach 36 Jahren beim FCK gehen, wohingegen der Wechsel des Cheftrainers in der Pfalz ja fast schon als „obligatorisch“ anzusehen ist. Sportlich steht am Ende der zweiten Drittligasaison Platz 10. Also wieder nicht das, was der Anhang sich erträumt hat. Bleibt wieder mal nur die Hoffnung auf Besserung in der kommenden Spielzeit. Wie berechtigt ist diese?

Zunächst mal zu den nackten Zahlen. Trainer Boris Schommers übernahm die Mannschaft am 9. Spieltag, mit neun Punkten auf Rang 14 stehend. In den 30 Spielen danach holte der FCK unter seiner Regie 46 Punkte. In einer „Schommers-Tabelle“, die nur die Runden ab dem 9. Spieltag auswertet, erklimmen die Lautrer Platz 7, stehen also deutlich besser, aber auf keinem Sonnenplatz. 

In seinem Interview, das er vergangenen Sonntag gemeinsam mit Sportdirektor Boris Notzon bei SWR Sport gegeben hat, regt der Coach an, die ersten sechs Wochen seiner Tätigkeit aus einer solchen Bewertung herauszunehmen. Er habe die Mannschaft ja erst analysieren, ihr eine neue Struktur geben müssen. Tun wir ihm diesen Gefallen, ergibt sich in der Tat ein wesentlich erfreulicheres Tabellenbild.

Auf diesem Tableau ist der FCK Dritter, was ein direkter Aufstiegsplatz wäre, da Spitzenreiter FC Bayern München II bekanntlich außer Konkurrenz startete. Und: Der FCK stellt darin mit nur 22 Gegentreffern die beste Abwehr der Liga. Was auch insofern beachtlich ist, als dass die Stamm-Innenverteidigung, zu der Schommers nach seiner Findungsphase gefunden hatte, mit Kevin Kraus und André Hainault die gleiche wie unter Sascha Hildmann in der Vorsaison war – und die war von den Verantwortlichen im vergangenen Sommer eigentlich als „zu langsam“ eingestuft worden.

DIE SCHOMMERS-ÄRA IN DREI BLÖCKEN

Betrachtet man sich den Saisonverlauf des FCK ab dem 15. Spieltag genauer, lässt er sich leicht nachvollziehbar in drei Blöcke einteilen. Die Serie von fünf Siegen in Folge und einem Remis bis zur Winterpause, der anschließende schwache Start ins Jahr mit sieben Spielen ohne Sieg sowie die „Geisterspielwochen“, in denen die Mannschaft in elf Partien 21 Punkte holte, womit sie diesen Abschnitt unter diesen ungewohnten Bedingungen als viertbeste Mannschaft abschloss – was „bayernbereinigt“ den Relegationsplatz bedeuten würde.

Meckern lässt sich also nur über die Sieglos-Serie zu Jahresbeginn. Was in den diversen Foren auch, wie in der Pfalz üblich, mit Hingabe getan wurde und oft die  Grenze zum Unsäglichen überschritt. Wozu mal klar gesagt werden muss: Wenn der Anhang nicht lernt, einem Trainer auch mal eine Sieben-Spiele-Talsohle zu gestatten, wird’s wohl nie was mit der allseits herbeigesehnten „kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung“ – schnurstracks linear nach oben wird’s nämlich niemals gehen, negative Ausschläge dann und wann gehören dazu.

NEIN, DAS 4-3-3 WAR NICHT DER GRUND FÜR DIE SCHWÄCHEPHASE

Die gern angeführte „Systemumstellung“ zum „4-3-3“ als ursächlich für die Schwächephase anzusehen, ist aus unserer Sicht falsch. Die Formation mit einer beweglichen Dreierreihe in der Offensive war von Schommers gut durchdacht. Sie gestattete nicht nur Florian Pick alle Freiheiten, auch für Christian Kühlwetter und Timmy Thiele war die Formation ideal, weil sie sowohl die Flügel beackern als auch in die Sturmmitte stoßen konnten. Ihre Scorerwerte entwickelten sich mit der Zeit auch dementsprechend. 

Auch Lucas Röser fand sich in der neuen Ordnung zunehmend besser zurecht, markierte immerhin noch drei Treffer, nachdem er in der Vorrunde gar nicht in die Puschen kam. Am wenigsten geeignet war sie wohl für den „Wandspieler“ André Runar Bjanarson, der,  auch von seinen permanenten Verletzungen abgesehen, nur auf kurze Einsatzzeiten. Er dürfte auch zu den Kandidaten gehören, die in den nächsten Wochen abgegeben werden sollen.

IN DEN GEISTERSPIELWOCHEN WURDE VIELES BESSER

Wie gestaltete sich die Sieglos-Serie noch einmal genau? Gegen Großaspach wurde ein klares Chancenplus nicht in das eine Tor mehr umgemünzt. In Ingolstadt verlor der FCK durch einen Standardtreffer in Schlussminute. Gegen Münster und Zwickau konnte gegen tiefstehende Gegner nicht die entscheidende Lücke gefunden werden. In Braunschweig kassierten die Lautrer frühe Gegentreffer gegen einen Gegner, der solche Führungen konsequent über die Zeit zu bringen verstand. In Mannheim und gegen Meppen verspielte man nach guten Leistungen herausgespielte Führungen in den Schlussminuten, gegen Meppen sogar eine doppelte.

Im anschließenden „Corona-Cup“ sah Einiges davon schon viel besser aus. Nach der 1:3-Niederlage gegen Duisburg ließ sich der FCK keine Gegentreffer mehr nach Ecken und Freistoßflanken einschenken. Frühe Rückstände und späte Gegentreffer waren passé, insbesondere, wenn sie sich die Mannschaft nach einer Führung tief stehend in einem 4-4-2 formierte, war ihr kaum noch beizubekommen.

MIT MAI KÄME MEHR PHYSISCHE PRÄSENZ IN DEN KADER

Der Elfmeter, der Rostock den Ausgleich bescherte, war kaum berechtigt, bei dem direkten Freistoßtor, das der Hallenser Nietfeld erzielte, hätte sich Mauer wohl besser anstellen können, andererseits: Die Freistoßposition war so gut, dass man einen Treffer aus dieser am besten vermeidet, wenn man gar nicht erst foult. Dennoch kassierte der FCK im „Corona-Cup“ nur neun Gegentreffer.

Die meisten Sorgen bereitete neben dem Duisburg-Spiel das 0:2 in Würzburg, wo oft der Eindruck entstand, der FCK hätte der physischen Wucht des Gegners nicht viel entgegenzusetzen. Dass man gegenwärtig an der Verpflichtung des Halleschen Kopfballmonsters Sebastian Mai arbeitet, zeigt jedoch, dass das Problem bereits erkannt zu sein scheint.

SCHOMMERS UND NOTZON: DAS SCHEINT ZU PASSEN

Unterm Strich entwickelt sich der FCK unter Schommers also positiv, und der Coach hat nun die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Sportdirektor Notzon in den nächsten Wochen weitere Stellschrauben zu drehen. Überhaupt scheint die Hoffnung berechtigt, dass die Konstellation Trainer/Sportlicher Leiter  besser funktioniert als in den Jahren zuvor. Die beiden scheinen fachlich wie menschlich auf einer Welle zu funken, sind ungefähr gleich alt, kommen aus demselben Stall – das passt doch.

Mit Alexander Winkler und Marius Kleinsorge sind schon früh Neuzugänge klargemacht worden, die Sinn machen. Winkler wird als linksfüßiger Innenverteidiger Hainault ersetzen, Kleinsorge könnte sogar schon länger als Pick-Nachfolger ausgeguckt worden sein – denn dass Pick nicht zu halten sein würde, war schließlich abzusehen. Ebenso wie der Abgang Lennart Grills, für den schon im vergangenen Sommer mit Avdo Spahic ein potenzieller Nachfolger verpflichtet wurde.

HUTH KOMMT ZURÜCK, AUCH CIFTCI WAR EIN STARKER TRANSFER

Mit Elias Huth kommt ein Stürmer zum FCK zurück, der nach seiner Leihe nach Zwickau nunmehr 95 Drittliga-Einsätze mit 24 Toren auf dem Konto stehen hat – und das mit 23 Jahren. Das ist nun kein Talent mehr, das noch entwickelt werden will, sondern ein klarer Startelfkandidat. Er könnte nicht nur der lange gesuchte Stürmer sein, der auf kurzen Wegen trifft, er ist auch beweglich genug, um auf die Flügel auszuweichen. Somit dürfte Huth in Schommers’ beweglichem Offensivtrio besser zu gebrauchen sein als Bjanarson.

Mit Hikmet Ciftci ist dem Duo Schommers/Notzon bereits im Winter ein erster, starker Transfer geglückt. Wenn jetzt tatsächlich noch Sebastian Mai kommt, braucht es eigentlich nur noch eine weitere Alternative für die Außenverteidigerpositionen – sofern nicht noch weitere Leistungsträger weggekauft werden. Darüberhinaus werden wohl noch einige Trennungen von Spielern mit laufenden Verträgen erfolgen, die keine Perspektive mehr haben, und, weil der Kader verkleinert werden soll.

DIE NÄCHSTE SAISON KÖNNTE RICHTIG GUT WERDEN

Schade, dass es in diesem Zusammenhang wohl auch Theo Bergmann treffen wird. Weshalb diesem technisch starken Fußballer der Durchbruch am „Betze“ verwehrt blieb? Keine Ahnung.

Die nächste Saison verspricht jedenfalls spannend zu werden. Mit Wiesbaden kehrt ein Beinahe-Nachbar in die Liga zurück, mit dem 1. FC Saarbrücken ein weiterer, echter Lokalrivale, das ergibt mit den Duellen gegen den Waldhof vier Derby-Kracher. Dazu kommt mit Dresden der nächste große Traditionsverein von oben runter. 1860 München und der MSV Duisburg bleiben als Gegner erhalten…  Hoffentlich dürfen bald wieder Zuschauer in die Stadien.

Wie – das ist alles schon wieder zu rosarot gemalt? Vielleicht. Aber die sportliche Sicht bereitet uns gegenwärtig tatsächlich keinen Kummer. Viel, viel schlimmer ist, was  schon wieder in Sachen „Insolvenz“ und „Investorensuche“ abgeht. Wie die einzelne Interessengruppen versuchen, über die Medien Stimmung für sich und gegen andere zu machen. Lernen die handelnden Verantwortlichen denn nie, zu allererst im Sinne des Vereins zu handeln – und dementsprechend Vertraulichkeit zu wahren?

DIE GROSSE FRAGE: „REGIONALE“ – ODER DER MANN AUS DUBAI?

 Geldgeber müssen her, wenn der FCK eine Zukunft haben soll, soviel steht fest. Dass man sich damit in eine gewisse Abhängigkeit begibt, dürfte ebenso unumgänglich sein. Zur Wahl steht, so ist zu vernehmen, sich künftig von einer regionalen Investorengruppe oder von einem großen Unbekannten aus Dubai abhängig zu machen, der so unbekannt mittlerweile auch nicht mehr ist. Extremer geht’s wirklich nicht. Und es ist menschlich, dass dem Ottonormalfan die bekannten Gesichter aus der Region zunächst mal sympathischer erscheinen.

Was aber nicht sein kann: Dass eine „große Lösung“ für den FCK torpediert wird, weil gewisse „Regionale“ um ihren künftigen Einfluss fürchten. Oder weil gewisse Funktionäre Angst um ihren Posten haben, weil die Neuen, die ans Ruder kommen könnten, sie womöglich ersetzen wollen.

Ausführlicher kommentieren wollen wir das Geschehen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht. Ohne mehr Einzelheiten zu kennen, können wir nicht sagen, welche Lösung die bessere für den FCK ist. Hoffen wir einfach das Beste.

Text: Eric Scherer

Foto: Alexander Scheuber/Getty Images

Grafik: transfermarkt.de

1 Kommentar zu „Die Saison ist vorbei – was bleibt? Ein Rück- und ein Ausblick

  1. Hannes Gogolin 08/07/2020 — 16:15

    ABSOLUT SUPER BESCHRIEBEN ! Kann ich voll unterschreiben, denn ich sehe das genauso! Was mich so zuversichtlich macht, ist erstens die neue Spielweise („One-Touch-Fußball“) , bei dem Ball und Gegner laufen gelassen werden! Zweitens habe ich schon oft erwähnt, dass die „magische Zahl“ des Erfolgs im Fußball die „Drei“ ist! Das heißt: Vom Punkte-Lieferant bis zum Meisterschafts-Anwärter sind oft drei Anläufe nötig! Zum Einen, weil dann die Mannschaft eingespielter und erfahrener ist, zum Anderen, weil konkurrierende Clubs sich dann im unvermeidlichen Umbruch befinden! Beispiele gibt es genügend – im Jugend-Bereich bis hin zu denTop-Ligen! Ich nenne als prominentestes Beispiel Jürgen Klopp (mit Mainz, BVB und nun Liverpool) oder J.Löw. Deshalb freue ich mich schon auf die kommende Saison! Ich hoffe aber auch, dass sich die Vereinsführung diese Chance nicht entgehen lässt!

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close