Spätes Erwachen: Nach verpennter erster Hälfte drückt Lautern gegen Ende auf Sieg

Es ist schon erstaunlich:  Der 1. FC Kaiserslautern kann auch in dieser fünften Englischen Woche am Stück immer noch zulegen. In der Schlussminuten der Partie beim Halleschen FC drehten die Lautrer nochmal richtig auf, drückten auf den Sieg, kamen am Ende aber doch nicht über ein 1:1 hinaus. Schade, dass sie über weite Strecken der ersten Hälfte den Faden verloren hatten, sonst hätten sie noch Chancen, mit einem Sieg zum Saisonfinale gegen Tabellenführer Bayern München II am kommenden Samstag zumindest im inoffiziellen „Corona-Cup“ unter den ersten Drei zu landen.

Irgendwo stand geschrieben, Halles Linksverteidiger Janek Sternberg, der im Winter von Kaiserslautern an die Saale wechselte, würde seinen Trainer Florian Schnorrenberg vor dieser Partie mit Insidertipps zu den spezifischen Schwächen seiner Ex-Kollegen versorgen. Tatsächlich aber sah es in der Anfangsphase so aus, als seien die Lautrer immer noch bestens über die spezifischen Schwächen Sternbergs informiert – und nutzten diese eiskalt aus.

Denn sie versuchten wiederholt Angriffe über die rechte Seite, wobei sich vor allem Rechtsverteidiger Dominik Schad in Szene setzte. Eine erste erfolgreiche Torvorbereitung wurde wegen Abseits nicht gegeben, eine von Schad exzellent geschlagene Rechtsflanke nach 25 Minuten landete auf dem linken Spann von Hendrick Zuck am langen Eck, doch dessen Volleyschuss parierte HFC-Keeper Kai Eisele glänzend.

DIESMAL ROTIERTE SOGAR SICKINGER AUS DER STARTELF

FCK-Trainer Boris Schommers hatte im Rahmen der im „Corona-Cup“ üblichen Rotationsroutine diesmal auf vier Positionen umgestellt. Unter anderem rückte Kapitän Carlo Sickinger aus der Startelf, auf den Schommers während dieser Englischen Wochen am wenigsten verzichtete, von Florian Pick natürlich abgesehen, der als einziger bislang durchgehend in der Anfangsformation stand.

Vom Wechselspiel auf den Außenverteidigerpositionen profitierte Jonas Scholz, nachdem die Regensburger Leihgabe Alexander Nandzik sich zum 30.6. aus dem FCK-Kader verabschiedet hat. Der 21-Jährige erledigte seine Aufgabe auf der linke Seite ordentlich, entwickelt im Vorwärtsspiel freilich nicht die Dynamik eines Philipp Hercher – das zeigte sich, als Hercher Scholz nach 75 Minuten ersetzte und sofort zum belebenden Element wurde.

Ist aber auch nicht weiter verwunderlich, weil Scholz eher Defensivspezialist ist, auch Innenverteidiger spielen kann, was ihn wiederum zu einer guten Option als linken Mann einer Dreierkette macht. Seine Auswechslung folgte übrigens verletzungsbedingt, sonst hätte er seinen zweiten Startelfeinsatz in dieser Saison  womöglich zu Ende spielen dürfen.

Außer den beiden vielversprechenden Versuchen über die rechte Seite gelingt den Lautrern in der ersten Hälfte jedoch nicht viel. Janik Bachmann schafft es ums Haar, sich per Doppelpass mit Pick durch die Mitte in den Strafraum zu spielen. Das Vorhaben scheitert zwar, zeigt aber, dass Lauterns Sechser in den vergangenen Wochen an Selbstvertrauen und -sicherheit gewonnen hat – man erinnere sich nur an seine Zinedine Zidane-Gedächtniskreisel vor Wochenfrist in Rostock.

ZWEI FREISTÖSSE UNMITTELBAR AN DER BOX – DAS IST EINER ZUVIEL

Ansonsten aber gelingt es den Hallensern, ihr Spiel immer weiter nach vorne zu verlegen, um den Lautrer Strafraum herum, so dass die Partie zunehmend an die letzte FCK-Niederlage vor vier Spieltagen in Würzburg erinnert. An Einstellung mangelt es den Gästen aber nicht, wie vor allem zwei Abwehraktionen von Schad und Kevin Kraus beweisen, die sich bei zwei HFC-Schussversuchen ohne jede Schmerzensangst in die Bälle werfen. 

Nach 33 Minuten verfehlt Pascal Sohm  das Gehäuse von Avdo Spahic mit einem 18-Meter-Geschoss aus halbrechter Position nur knapp, und dann verursachen die Lautrer kurz vor der Pause hintereinander zwei Freistöße unmittelbar an der Box, und davon ist einer der berühmte zuviel. HFC-Sechser Jonas Nietfield, vor Kurzem übrigens noch Stürmer, zirkelt den ruhenden Ball als halbrechter Position rechts an der Mauer vorbei in der Torwartecke. Wohl eher ein Stellungsfehler der Mauer als des Torwarts.

HALBZEIT ZWEI: LAUTERN DOMINIERT – UND KANN ES AUCH

In Hälfte zwei nun darf der HFC „umschalten“, und der FCK muss einen tiefstehenden Gegner spielen – eine Konstellation, die lauternaffine Beobacher nach leidvollen Erfahrungen in beinahe zwei Jahren Dritter Liga pessimistisch stimmen muss. Aber, siehe da: Auch da hat der FCK Fortschritte gemacht. Der Ball läuft gut, die Absicherung nach hinten klappt weitgehend, und vor allem zeigt sich, was für ein guter Einkauf Hikmet Ciftci in der Winterpause war, der beim Aufbauspiel aus den hinteren Reihen den Taktstock schwingt.

Dafür belohnt wird der FCK in der 70. Minute. Christian Kühlwetter flankt fast von der rechten Seitenlinie, Halles Kopfballmonster Sebastian Mai, der auch zuvor schon Schwächen am Boden gezeigt hat, lässt die flache Flanke passieren, Timmy Thiele erwischt sie volley – 1:1. 

Thiele war acht Minuten zuvor für den wieder einmal weitgehend unsichtbaren Lucas Röser gekommen. Das wievielte Jokertor war das nun eigentlich?

ZUM SCHLUSS MACHT DER FCK NOCHMAL RICHTIG DRUCK

Und dann das Erstaunliche: Der FCK drückt weiter nach vorne, will den Siegtreffer. Und das in der nunmehr fünften Englischen Woche hintereinander, und das, obwohl das Team im Grunde schon seit vier Spieltagen tabellarisch jenseits von Gut und Böse steht. Nein, man kann Boris Schommers wirklich nicht vorwerfen, dass er seine Jungs nicht an der Kandare hat. Allerdings nähert sich nur noch Thiele noch einmal gefährlich dem HFC-Tor – die Flanke war vom eingewechselten Hercher gekommen.

„Die zweite Hälfte meiner Mannschaft hat mir gut gefallen, die erste nicht“, bilanziert der Trainer. Und Jonas Scholz bestätigt, dass in der Pause ein paar klare Worte gesprochen worden waren. Mehr Analyse braucht es heute auch nicht. Freuen wir uns lieber auf den Saisonabschluss gegen den Tabellenführer, denn wir haben gelernt: Ohne Druck aufspielen zu können, bedeutet nicht, dass dabei lahmer Fußball herauskommen muss.

Text: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz

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