2:0 nicht gemacht und Elfer-Pech: Lautern muss sich dennoch nicht ärgern

Hat doch auch sein Gutes, dass es für den 1. FC Kaiserslautern in der Saison um nicht mehr viel geht. Sonst müssten sich die Lautrer über dieses 1:1 beim FC Hansa Rostock glatt ärgern. Wegen eines Elfmeters, den Schiedsrichter Robert Schröder wahrlich nicht geben musste, und wegen der zuvor vergebenen Riesenchance, mit der der FCK 2:0 in Front gehen konnte. So aber lässt sich einfach nur auf ein wirklich gutes Drittligaspiel zurückblicken, und feststellen, dass sich im Lautrer Kader immer mehr spannende neue Option für die kommende Spielzeit auftun.

Kennt einer noch den Spruch „Never change a winning team“? Auch wenn er gelegentlich noch dahergesagt wird, in der Praxis kommt er schon lange nicht mehr so häufig zur Anwendung, wie uns im Reportersprech weisgemacht wird. Und in diesen Englischen Geisterspielwochen ist er ohnehin obsolet.

SPAHIC IM TOR, HAINAULT INNEN, HERCHER RECHTSVERTEIDIGER

So vehement wie Boris Schommers nach dem 4:0-Sieg seiner Mannschaft am Samstag gegen den KFC-Uerdingen hat sich bislang allerdings kaum ein FCK-Trainer an dieser Möchtegern-Fußballregel vergangen: Er stellte sein Team zur Auswärtspartie in Rostock auf gleich sieben Positionen um. Für den im Sommer nach Leverkusen abwandernden Keeper Lennart Grill begann Avdo Spahic In der Innenverteidigung rückte wieder André Hainault an die Stelle von Kevin Kraus – Nebenmann und Kapitän Carlo Sickinger indes scheint gemeinsam mit Florian Pick derjenige im Team zu sein, den Schommers am wenigsten gern aus der Startelf rotiert.

MORABET RECHTS, ZUCK LINKS, RÖSER UND PICK ZENTRAL

Auf die linke Verteidigerseite kehrte Alexander Nandzik, dafür ersetzte Philipp Hercher Dominik Schad rechts. Davor starteten Janek Bachmann für Anas Bakhat, Hendrick Zuck für Manfred Starke, Lucas Röser für Timmy Thiele und – Überraschung – Mohamed Morabet für Christian Kühlwetter.

Schommers formierte von Beginn an in einer 4-4-2-Ordnung gegen den Ball, mit dem Spielgerät in einem 4-2-3-1, also so, wie er es auch schon am Samstag nach der 1:0-Führung gegen Uerdingen tat. Ein Hinweis darauf, dass er einen Gegner erwartete, der von vorneherein die Zügel in die Hand nehmen wollte.

Und den es mit zwei kompakten Viererreihen zwischen Mittel- und Verteidigungsdrittel zu erwarten galt, um bei Ballgewinn schnell umzuschalten. Morabet besetzte dabei den rechten Flügel, Zuck den linken, zentral offensiv agierten Röser und Pick.

SIEBEN WECHSEL – UND DENNOCH EIN KOMPAKTER AUFTRITT

Das Resultat ist erstaunlich gut anzusehen, die durchgewechselte FCK-Mannschaft präsentiert sich als unerwartet homogene Einheit. Blieb dies auch, wenn es galt, sich phasenweise nach vorne zu schieben, löste selbst enge Situationen immer wieder spielerisch.

Und war angriffslustig. Zwar gilt es in der Anfangsphase gleich zwei brenzlige Situationen zu überstehen, aber nachdem Pick in Minute 10 mit einem Sechszehn-Meter-Geschoss das Rostocker Tor knapp verfehlt, hat Lautern das Spiel über weite Strecken der ersten Halbzeit im Griff.

Überhaupt: Pick. Ein Phänomen. Der einzige Spieler, der auch im achten Geisterspiel hintereinander von Anfang an randarf. Und abermals ist er der Kreativpol in Lauterns Offensivspiel, an jeder Aktion beteiligt.

„DAS VORBEREITEN DES LANGEN BALLES“: SO GEHT’S

Auffällig aber: Hansa-Linksverteidiger Lukas Scherff darf reichlich unbedrängt durch lauter Rote hindurch in die Mitte ziehen und abschließen, dergleichen wird auch dem linken Offensiven Aaron Opoku in der zweiten Hälfte mal nahezu identisch gestattet. Da stimmt was beim Übernehmen nicht, oder aber: Mit der 1,50 Meter-Abstandsregelung wird es auf dem Platz zu genau genommen. Da sollte drüber geredet werden.

Vor dem Führungstreffer zelebriert die Elf dann das, was Schommers „das Vorbereiten des langen Balles“ nennt. Das Leder zirkuliert erst eine Weile in den hinteren Linien, ehe Hikmet Ciftci es vor den Sechzehner chippt. Pick schnappt sich den zweiten Ball, setzt zum Doppelpass mit Röser an, doch dessen durchgesteckten Pass erwischt Morabet, bevor Pick drankommt. Und schon steht es 1:0 für Lautern.

MORABET PREMIENTOR, SPAHIC HANDBALLAKTION

Morabets Premierentreffer in seinem Starfelfdebüt. Was will ein 22-jähriger Fußballprofi mehr? Okay, das wiederholte Anschauen der TV-Bilder offenbart: Er stand haarscharf im Abseits. Bissi Glück gehört eben auch immer dazu. Und nicht zuletzt hat dies auch der Tüchtige. Avdo Spahic zum Beispiel.

Nur eine Minute nach dem Lautrer Führungstreffer kommt Rostocks Pascal Breier unmittelbar vor ihm frei zum Schuss. Spahic breitet die Flügel aus wie ein Handballtorhüter – und hat natürlich auch ein wenig Dusel, dass Breier ihn am Arm trifft. Dennoch: Bärenstarke Aktion der künftigen Nummer 1.

DIE RIESENCHANCE ZUM 2:0

Nach der Pause dreht Rostock mächtig auf, insbesondere der eingewechselte Maximilian Ahlschwede macht auf der rechten Seite mächtig Betrieb. Hainault springt eine scharfe Rechtsflanke an den beinahe angelegten Unterarm – Elfmeter muss es da nicht geben, auch wenn die Hansa-Spieler ihn fordern.

Ebenfalls positiv: Lautern klärt die Ecken des Gegners einigermaßen souverän, Gefahr entsteht fast ausschließlich aus dem Spiel heraus. Das war in dieser Spielzeit oft anders. Und Lautern bleibt mit Kontern gefährlich, zunächst dank Pick. Die Riesenchance zum 2:0 ergibt sich jedoch drei Minuten, nachdem der Quirl das Feld verlassen hat.

Der für Röser eingewechselte Thiele erobert den Ball im Angriffsdrittel von Ahlschwede, passt sofort auf den für Pick eingewechselte Starke, der aus halblinker Position in der Box abziehen könnte, aber lieber querlegen will. Der Pass wird abgefangen, der Ball landet erneut bei Starke, der nun schießt, doch abermals geblockt wird. Zuck kommt geistesgegenwärtig herangerauscht, um den Abpraller ins Netz zu chippen, der Ball aber hüpft Zentimeter am langen Pfosten vorbei. Schade.

ACHTUNG, PHRASE: DIE STRAFE FOLGT AUF DEM FUSS

Denn nun folgt, was strenge Analytiker als die Strafe bezeichnen, die auf dem Fuß folgt. Schiri Schröder pfeift Elfmeter, als Nandzik und der eingewechselte Daniel Hanslik sich mit den Füßen treffen. Echt jetzt, da kann man jeden Körperkontakt im Strafraum pfeifen. Okay, vielleicht auch ein wenig gerecht, weil Morabets Treffer nicht hasenrein war. Ahlschwede verwandelt.

Hansa drückt daraufhin vehement, ist aber auch kein Wunder, denn im Falle eines Sieges winkt der Sprung auf Relegationsrang 3. Lautern lässt sich hinten reindrängen, der eine vertikale Ball, der den Turbostarter Thiele ins Spiel bringen könnte, will einfach nicht kommen. Dennoch imposant, wie engagiert das FCK-Team, das sich in der Tabelle bereits jenseits von Gut und Böse platziert hat, dagegenhält.

HOFFENTLICH GIBT’S BALD „NEUES VOM HEXER“

Bachmann bietet sogar noch zwei technische Kabinettstückchen, indem er sich aus einer Bedrängung mit Kreisel-Aktionen befreit, die ein wenig an Zinedine Zidane erinnern. Anscheinend will der Schlaks auch dem letzten TV-Zuschauer endlich beweisen, dass er trotz seiner 1,96 Meter Körpergröße kein Kopfballabräumer ist, sondern das Fußballspiel am Boden bevorzugt. Das sieht beinahe gut aus, allerdings: Zidane seinerzeit hat nach solchen Aktionen Bälle gespielt, die ankamen.

In der Nachspielzeit streicht noch einmal an Hanslik-Schuss Zentimeter am langen Pfosten vorbei, dann ist es überstanden. 1:1. „Was ich von dem Ergebnis halten soll, weiß ich noch nicht genau“, gibt Boris Schommers hinterher zu Protokoll. Mit Verlaub: Das Ergebnis ist angesichts der Tabellenlage gar nicht mehr so wichtig, wichtiger ist die Erkenntnis, welche neuen Optionen sich da für die Zukunft auftun: Morabet ist im Kommen, Spahic etabliert sich als neue Nummer 1 – und Bachmann strebt anscheinend einen Imagewechsel an. Wir freuen uns schon auf „Neues vom Hexer“.

Text: Eric Scherer

Foto: Jürgen Schwarz/Getty Images

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